Haus meiner Grenzen

Das Haus.
Die Räume.
Die Wände.
Die Türen.
Die Fenster.
Ich schaue aus dem Fenster.
Menschen gehen draußen am Fenster vorbei.
Manche gucken kurz herüber, andere ignorieren es,
wieder andere bleiben stehen, nehmen Augenkontakt auf, kommen näher.
Plötzlich stehen Menschen neben mir.
Hinter mir.
Vor.
Überall.
Bedrängen mich.
Verdrängen mich.
Nehmen mir die Sicht
nach draußen
und die Freiheit nach innen,
mich in meinem Raum
frei zu bewegen.

Von draußen sagen manche,
ich solle die Türen öffnen.
Das sind sie schon lange.
Abschließen kann ich schon längst nicht mehr,
den Schlüssel habe ich verloren,
irgendwo im Chaos des Hauses.
Und wenn die Tür geschlossen ist,
dann werfen manche eben Fenster ein,
um sich Zutritt zu verschaffen.
Ich versuche alle Gäste,
ob erwünscht oder ungebeten
zu bewirten,
versuche, ihnen ein Zuhause zu bieten,
ganz gleich wie viel Schmutz sie von sich und außen mitbringen.
Es ist so laut, dass ich kaum etwas verstehe.
Ich bin leise.
Ich kann mich nicht hören.

Die Scherben liegen im Raum
und ich
barfüßig
schneide mich daran.
Blutspuren werden im Raum verteilt.
Menschen umschließen mich,
verbinden meine Wunden,
aber auch mich, sodass ich
nicht, nichts
mehr sehen
mehr spüren,
mehr denken,
mehr tun kann.
Auch die Schmerzen werden dumpf, irgendwann spüre ich selbst sie nicht mehr.
Jetzt sollte ich mich freuen.

Ich will das aber nicht mehr.
Vielleicht muss ich den Schmerz spüren,
um gegen ihn vorgehen zu können,
frei sein, um die Scherben zu beseitigen,
neue Fenster, bruchsichere, einzusetzen,
den ungebetenen Gästen Hausverbot zu erteilen
und meine innersten Räume aufzuräumen und zu ordnen,
wo unter all
den Bergen von Unsicherheiten,
Türmen von Zweifeln,
Ansammlung von Sorgen,
Haufen von Ängsten
mein Schlüssel
zur Tür verborgen liegt.

Plötzlich steht jemand neben mir,
hilft mir vorsichtig,
mich aus dem Verband zu befreien,
legt Nadel und Faden für die Versorgung meiner Wunde bereit,
damit diese nicht immer wieder aufplatzt.
Verschafft mir
Zeit zu spüren.
Raum zum Denken,
Platz zum Handeln.
Gibt mir
Werkzeuge, Handfeger, Kehrblech,
Ziegelsteine und Mörtel,
Uhu-Alleskleber,
Farbe und Pinsel,
alles für meine Baustelle hier.
Hilft mir, den Raum zu vermessen,
Grenzen zu ziehen,
sie erkennbar zu machen,
sie aufzubauen,
sie zu verteidigen.

Es ist meine Baustelle,
in meinem Haus,
aber was gibt es schöneres
als sich nach getaner Arbeit
in das Sofa fallen zu lassen,
auf dem ich nie selbst,
nur die ungebetenen Gäste,
Platz genommen hatten,
und mit jemandem, neben einem, zusammen
Ingwertee zu schlürfen
und aus der sicheren, wohligen Wohnung
den Blick aus dem Fenster zu genießen,
den Menschen zuzulächeln,
die ab und an hineinlächeln,
und wenn man mag, den ein oder anderen
hineinzulassen,
um gemeinsam Tee zu trinken
und dennoch zu wissen,
wo die Tür ist,
sie öffnen und schließen zu können
und Herr seines Hauses zu sein.

Das ist mein Haus.
Mein Haus.
Meine Räume.
Meine Wände.
Meine Türen.
Meine Fenster.

Ein Kommentar zu „Haus meiner Grenzen

  1. Ich öffne gerne Fenster, weil ich den Wind liebe.
    Wenn ich anderen in die Augen sehen möchte, muss ich die Fenster öffnen, sonst sehe ich nur meine eigenen. Aber dann wirbelt alles durcheinander und Blatt um Blatt weht hinaus in die Ferne, wo jeder es lesen kann.
    Flugblätter.
    Demonstrieren. Kommentieren. Mit Steinen werfen, die die Fenster durchbrechen.
    Auch ich verletze mich an ihren Scherben und mein Blut ist das einzige, was mir in meinem Haus noch bleibt.

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